| USA-TRIP.DE - Die abenteuerliche Reise zu Carl Zuckmayers Ziegenfarm | |||||||||||||||||||
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zurück - Inhaltsverzeichnis - weiter Gerd Küppers
- 4000 Meilen als Tramper durch die USA 9. Ein schockierender Scherz Dann holte mich ein ratternder Dieselmotor in die Wirklichkeit zurück. Der Fahrer eines uralten Holzlasters stieg aus und schaute nach, ob die Baumstämme auf der Ladefläche noch fest verzurrt waren. Es war ein sehr schlanker, fast hagerer Mann, etwa Mitte dreißig mit einem schmalen Kopf und vorstehenden Zähnen. Er machte nur eine einladende Kopfbewegung. Das hieß: Einsteigen. Ich folgte der Aufforderung mit gemischten Gefühlen. Der Motorenlärm durchdrang die Fahrerkabine, daß man sich nicht verständigen konnte. Der Fahrer rief mit einer Trompetenstimme, die den Motor übertönte: " Ich bin AL. AL aus Oklahoma. Ja, ich bin ein Oklahoma-boy. Oklahoma. Verstehst Du.Oklahoma ist OK." Ich verstand seinen Dialekt nicht, wußte nicht, was er meinte. Ein Gespräch war nicht möglich. Er schimpfte immer, wenn im Berg die Motorleistung nachließ. Wir fuhren eine gut ausgebaute Landstraße entlang. Kleine Ortschaften lagen links und rechts des Weges. Immer wenn AL langsamer fahren mußte, schimpfte er wüst. Der Truck hatte keine Servolenkung, denn in jeder engen Kurve stöhnte AL vor Anstrengung. Wieder sank ich in tiefen Schlaf. Als ich wach wurde, stand der LKW. Dunkelheit ringsum. Der Motor war abgeschaltet. Vom Fahrer war nichts zu sehen. Dann hörte ich dumpfe Schläge. Meine Türe wurde aufgerissen. Der Fahrer hielt mir eine Eisenstange unter die Nase. Ich war schockiert. Der Oklahomaboy senkte die Stange und warf sie unter meinen Sitz. Er grinste. "Keine Angst , die Stange brauche ich für den Reifencheck". Er hatte den Luftdruck geprüft, indem er mit dem Eisenstab kräftig auf jeden Reifen schlug. "Und warum hältst Du mir das Ding unter die Nase?" fragte ich. "War nur ein Scherz. Wollte Dich ein bißchen erschrecken." Ich sagte: "Beim nächsten Truckstop möchte ich raus". "Willst Du jetzt nicht mehr nach Penscola?" Er grinste .- "Doch", sagte ich. Aber nicht unbedingt mit Dir." Am nächsten Rastplatz ließ er mich raus. Der Schreck saß mir noch in allen Gliedern. Den Rest der Nacht verbrachte ich in einer Fernfahrerkneipe , irgendwo zwischen Jacksonville und Penscola. Es war ein kleines, verrauchtes, schlecht beleuchtetes Lokal. Als ich mit meinem Rucksack erschien, schauten mich die Gäste verwundert an, als hätten sie noch nie einen Tramper gesehen. Die Blicke der Gäste schienen zu sagen: " Ganz schön frech, daß Du Dich hierhin traust. - Mach ja keinen Ärger." Ich setzte mich an einen Tisch und bestellte einen Toast, aber die Serviererin brachte mir nur Kaffee und Orangensaft. An den anderen Tischen servierte sie Essen . Die Gäste tuschelten miteinander und schauten dabei verstohlen zu mir hin. Vielleicht hielten sie mich für einen Landstreicher. Meine schulterlangen Haare deuteten ja darauf hin. Langhaarige sind im Süden nicht willkommen, hatte man uns im Camp gesagt. Der tödliche Schuß in dem Kultfilm " Easy rider" traf im Süden der USA einen Langhaarigen. Im Reiseführer für Studenten und Tramper ich den Satz: "Das Trampen im Süden der USA kann niemandem empfohlen werden, weder Männern noch Frauen". Ich schrieb ein paar Briefe und fragte die vorbeikommenden Fernfahrer, ob sie nach Penscola fahren. Die meisten schüttelten den Kopf, andere ignorierten mich völlig,. Einer lachte mitleidig und ein weiterer machte eine verächtliche, wegwerfende Handbewegung. Gegen Morgen hielt ich es in dem Lokal mit seiner feindseligen Atmosphäre nicht mehr aus, es war geradezu gespenstisch, ich glaubte die Ablehnung und Verachtung mit den Händen greifen zu können. Ich ging raus ins Freie, setzte mich auf eine Bank und beobachtete den Sonnenaufgang. Dann las ich in meinem Lieblingsbuch, den Lebenserinnerungen von Zuckmayer, bis mir die Augen zufielen. Dieses Mal weckte mich ein penibel gekleideter Herr. Er trug einen tadellos sitzenden stahlblauen Anzug mit passender Krawatte, dazu eine goldene Krawattennadel. Was war das für einer? Trotz der Hitze trug er Anzug und Krawatte. Wir fuhren in Richtung Penscola. Der Mann stellte sich vor als ehemaliger Inspektor der US-Armee. In seiner Haltung und Ausdrucksweise schien er immer noch soldatisch-diszipliniert. Er sprach in knappen Sätzen. Er habe seinen Dienst quittiert und sei jetzt nur noch Privatmann. Deutschland kenne er gut. Er habe auf den amerikanischen Stützpunkten gearbeitet. Jetzt sei er auf dem Weg zu seinem Sohn. Der sei im Internat in Florida. Mit dem Direktor des Internats halte er immer Verbindung. Das Internat sei streng. Das sei gut so. Ohne eine gewisse Disziplin gehe nichts im Leben. So ging es eine halbe Stunde lang weiter. Blieb mir denn nichts erspart? Sollte ich mir jetzt auch noch stundenlang die Erziehungsprinzipien eines auf Befehl und Gehorsam programmierten älteren Vaters anhören? Ich unterbrach seinen Monolog und fragte, ob ihn meine Meinung interessiere. Doch der Mann war nicht zu bremsen. Immer wieder sprach er vom hohen Wert einer strengen Erziehung. Sozusagen beim Luftholen unterbrach ich den Inspektor und schwärmte ihm vor, wie wichtig die Idee der antiautoritären Erziehung sei , die in dem englischen Internat Summerhill verwirklicht werde. Der Mann wurde danach recht einsilbig, zeigte von weitem auf die Umrisse einer toten Stadt, die infolge der Wirtschaftsdepression von 1928 nicht zu Ende gebaut wurde. Es mochte ja sein, daß es diese riesigen Ruinen tatsächlich gab. Doch ich mußte gegen die Müdigkeit kämpfen. Das war im Moment schlimmer als alle Bauruinen der Welt. Dann zeigte mir der Inspektor a. D. einen riesigen Gebäudekomplex der Universität von Florida. Die Gebäude lagen so weit auseinander, daß man ohne Auto verloren war. Dann folgte gegen Mittag die obligatorische Einladung zum Mittagessen.
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